Verwirrung
Oftmals lassen wir uns durch das Leben treiben oder werden getrieben. Wir spüren hierbei keinen Druck, denn spirituelles Denken und Handeln führt uns. Wir wissen, dass der Weg das Ziel ist. Der Weg zum Ziel ist selten gradlinig und scheint von mehr Schlag- und Falllöchern als von gradlinigen Pfaden durchzogen. Dennoch fallen oder stolpern wir nicht, denn das schlammige Schlagloch schärft den nächsten Schritt. Zeichen, Symbole und Intuition führen uns voran – wir zweifeln nicht am Weg …
Im Jahr 2022 wurden wir mit einem Ereignis konfrontiert, über das in einem spirituellen Kontext gesprochen werden musste.
Von den ersten verbalen Einschätzungen des Ereignisses waren wir überrascht, denn es lagen bezüglich der Ereignisinterpretationen Zweifel in der Luft. Heute, ca. vier Jahre nach dem Ereignis, wissen wir, dass spirituelle Zeichen keine ‚Phantastereien‘ sind, sondern klar definierte Zeichen der Orientierung auf dem spirituellen Pfad darstellen.
Ende April 2022. Wir waren auf einer Rundreise durch den hessischen sagenumwobenen Odenwald, auf der Suche nach etwas Besonderem. In einem Kaffeehaus angekommen, suchten wir über ein Handy nach Sehenswürdigkeiten im nahen Umkreis – und wurden fündig. In der Nähe von Beerfelden zeigte uns die Software das Moorgebiet „Rotes Wasser“ im Ortsteil Olfen an. Und weil Moor, Moorgebiet immer etwas Düsteres in Worten und Gedanken transportiert und mögliche Moorleichen in der Phantasie aufsteigen lässt, entschlossen wir uns, dem geheimnisumwitterten Moor begegnen zu wollen.

In der Nähe von Beerfelden zeigte uns die Software das Moorgebiet „Rotes Wasser“ im Ortsteil Olfen an.
Am Zielort angekommen, parkten wir unsere Fahrzeuge am Ortseingang auf dem Seitenstreifen einer Einbahnstraße, die der Weg zum Moor werden sollte.
Luftfeuchtes Wetter hüllte uns ein. Vereinzelt zusammengeschobene, am Rand der Straße aufgetürmte Schneehügel zeugen davon, dass es vor noch nicht allzu langer Zeit zu einem erheblichen Schneefall gekommen sein musste.
Trotz des nicht einladenden Wetters begannen wir froh gelaunt und in spannender Erwartung unsere Rundreise zum Moor, die, von unseren Parkplätzen aus, einen fast (von unten nach oben betrachtet) ballonförmigen Wanderweg zeichnete.
Der Weg zum Moor, über die genannte Einbahnstraße, stieg an manchen Stellen kräftezehrend an, aber es waren immer nur kleine Abschnitte, sodass wir die wenigen in der Straße stehenden Häuser und die Natur betrachten konnten – nichts wies auf ein Moorgebiet hin, nicht einmal ein Hinweisschild!
Was uns bereits auf den ersten Metern des Fußwegs zum Moor zu irritieren begann, war, dass an einigen Stellen des Straßenrades und in Vorgärten frisch zersägte Baumstämme und Äste lagen, die von den Baumteilen zeigten Bruchstellen.
Am Punkt, an dem die asphaltierte Straße endete und in einen streckenweise geschotterten Weg überging, sprachen wir einen Dorfbewohner an, weil wir nicht mehr wussten, wohin. Der ältere Herr erklärte uns, nachdem er uns einen prüfenden Blick unterzogen hatte, zielgenau den Weg zum Moor: „Gerade aus bis zum Ende (einer sichtbaren) Weide, dann scharf rechts halten – das Moor ist nicht zu verfehlen, aber: Überraschungen herunterschrauben.“ In einem Nebensatz drückte er sein Bedauern aus, dass „Hinweisschilder zum Moor fehlten, weshalb einige dort nie angekommen sind.“
Der Weg hinter der Weide wurde sehr schlüpfrig und uneben. Wasseransammlungen in von schweren Fahrzeugen in den Boden gemalmte Fahrspuren mussten geschickt umgangen werden; abgebrochene Baumäste und kleinere Stämme versperrten den Weg, die wir mühsam überstiegen oder umgehen mussten.
Endlich, nach einigen Hundert weiteren schweißtreibenden Metern, konnten wir eine Art Lichtung in der Ferne erblicken, die, so dem ersten Eindruck nach, Teil des Moores sein musste – und wir lagen richtig!
In einer seltsam anmutenden Erwartungshaltung erreichten wir die am Rande eines längeren über das Moor führenden Holzpfades stehende Schrifttafel, die in kurzen Sätzen Verhaltensweisen in diesem unscheinbaren Moorgelände vorschrieb, worüber wir uns eines Grinsens nicht erwehren konnten.
Doch das, was wir nach ersten Sondierungen des Geländes erblickten, schockierte uns, und uns wurde augenblicklich gewahr, warum wir an diesen Ort geführt wurden: Eine riesige Ansammlung von Birken, die das Moorgebiet flankierten, war gebrochen, entwurzelt, die Stämme gebogen, als hätte sie ein ungeheuerlicher Sturm zu Boden gedrückt. Der Anblick war schockierend, selbst heute, wenn wir rückblickend die Fotos betrachten, die diese gespenstig-anmutende Szenerie bildlich beschreiben: Birken entwurzelt – Tod! Anderen Birken brachen armstarke Äste vom Stamm; Hunderte andere Birken standen noch, aber tief gebeugt: die Baumspitzen berührten in einem weiten, erdberührenden Bogen den nassen, von totem Schilfgras überwucherten Moorboden; eine Haltung, die ein langsames Sterben bedeutete: Reißen die inneren, der Lebenssaft führenden Holzfasern, wird der Baum nicht mehr genug mit Nährstoffen versorgt und kann sich nicht mehr aufrichten – er ist zum Tode verurteilt.


Als wir den Rückweg zum Ausgangsparkplatz antraten, jeder mit den erschreckenden Bildern des Birkenbruchs noch vor den inneren Augen und in den Gedanken, bemerkten wir, dass der eigentliche Besuchsgrund des Moores, das Moor selbst, völlig aus den Augen und den Sinnen verschwunden war. Daraus schlossen wir, dass es unsere Aufgabe sein sollte, jenes Ereignis im Moor einer detaillierten Betrachtung zu unterziehen, d. h., den spirituellen Sinn des Geschehens im Moor herauszufinden, weil die Birke, spirituell betrachtet, für das Werden und das Sterben steht!


Ende Teil 1
