Vom Weihnachtsbaum
Die Esche (Yggdrasil) galt den nordischen Völkern als der Baum des Lebens, doch mit dem Fallen der Blätter kündete die Esche den Sinn des Wandels der Zeit, des Sterbens und Werdens. Doch nicht alle Bäume verloren im Lauf des Jahresrades die Blätter – so die weitverbreitete, immergrüne Tanne. Zweige dieses Baumes schmückten während der Rauhnächte die Stuben und die Tierställe, waren somit ein elementares Symbol, hinter dem der Wunsch und das Sehnen standen, dass nach der harten Winterzeit das Land wieder zum frühlingshaften Leben erblühen möge. Um diesem Wunsch noch mehr an Ausdruckskraft zu verleihen, schmückte man die Zweige mit Kerzen, die in der Verbindung mit dem Grün der Zweige ein stiller, dennoch leuchtender und flackernder Ruf nach dem Wiederaufsteigen der Sonne waren.

„Ich weiß eine Esche, die Weltenbaum heißt,
Ein weißlicher Nebel benetzt den Wipfel,
Drauß‘ fället der Tau, der die Tiefen befruchtet,
Immer grün steht sie am Brunnen der Urd.“
Edda, Gylfaginning
Den Brauch des Aufstellens eines Tannenbaumes im Haus bekämpfte die Kirche jahrhundertelang, bevor sie den Weihnachtsbaum der Heiden zum Christbaum erklärten.
Die Rauhnächte – Stirb und Werde
Die Rauhnächte, vom 24. 12. bis zum heiligen Dreikönigsabend (06.01.), nannte man die „Zwölften“. Der norddeutsche als auch dänische Name dieser Zeitperiode ist „Jul“, der sinnbildlich für das aus dem Runenkalender entnommene Rad steht, das den Lauf der Jahreszeiten symbolisierte. Neben dieser Interpretation gibt es eine einfache: Der Begriff „Jul“ steht in Verbindung mit den Verben johlen, jauchzen, jubeln usw., sodass die Jul-Zeit auch als ein Fest der Freude definiert werden kann, „weil man von der Wintersonnenwende an wieder dem Frühling, der schönen Jahreszeit entgegenging.“
Die Zeit der Rauhnächte war eine besondere: Eine mystische, wenn Schnee das Land bedeckte, sodass es schien, als sei es mit einem Leichentuch bedeckt; eine unheimliche und gespenstige, wenn über den Schnee undurchsichtige Nebelschwaden waberten und das Trugbild eines schattenhaften Wesens – vielleicht den eines verstorbenen Ahnen? – in das durch den Nebel getäuschte Auge projizierten. Und so nimmt es nicht Wunder, dass die Altvorderen den Göttervater Odin, begleitet von seinen Raben Hugin und Munin, sowie seinen schattenhaften Gefährten, durch die schnee- und nebeldurchzogene Landschaft ziehen sahen, um nach dem Rechten zu schauen. Dies alles mag der Grund sein, warum das Julfest ursprünglich ein Gedenkfest der Sippen an die verstorbenen Ahnen war; auch dieses heidnische Gedenken korrumpierte die Kirche in den Totengedenktag Allerheiligen: Papst Sylvester legte im Jahr 913 n. d. Z. den 02.11. als „Bettag für die verstorbenen Seelen“ fest. Dennoch hielt sich der heidnische Brauch des Totengedenkens bis in die frühen 50er-Jahre, Anfang der 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts hinein, denn zur Weihnachtszeit vergaßen es die Familien nicht, die Gräbern der Verstorbenen zu schmücken und darauf Kerzen anzuzünden.
Und so nimmt es nicht Wunder, dass die Altvorderen den Göttervater Odin, begleitet von seinen Raben Hugin und Munin, sowie seinen schattenhaften Gefährten, durch die schnee- und nebeldurchzogene Landschaft ziehen sahen, um nach dem Rechten zu schauen.

Das heidnische Totengedenken steht scheinbar im Widerspruch zu den frohlockenden weihnachtlichen Festivitäten – aber nur scheinbar, denn die Rauhnächte standen für das Vergehen und das Werden, weil man wusste, dass nach dem 06.01. die Tage wieder länger wurden und baldigst der Frühling begrüßt werden konnte. In den weihnachtlichen Festreigen, das ein Herbeisehnen des kommenden Jahreszeitenwandels war, wurden auch die Haus- und Stalltiere mit einbezogen, ebenso wie in vielen Regionen des Nordens die Bäume, die man in den „rauhen Nächten“ umarmte, ihnen wohlwollend zusprach, in der Zuversicht, dass diese im kommenden Jahr reichlich Früchte tragen werden …
Der spirituelle Aspekt der Weihnachtszeit
Das Weihnachten feiern ist heute durch und durch kommerzialisiert, individualisiert, phrasen- und klischeehaft, sodass nur noch wenig Spielraum für ein traditionelles, rituell geprägtes, spirituelles Empfinden, Denken und Handeln vorhanden ist. Dies deshalb, weil in den Lebens- und Handlungsweisen der heutigen Zeit ein Bezug auf nicht kirchlich Religiöses fast einen (im Sinne des kirchlichen als auch weltlichen Dogmatismus) verdammenswerten Makel bedeutet. Die Ausnahme von der Regel ist, wenn mit dem einen oder anderen antireligiösen heidnischen Aspekt ein ökonomischer Nutzen einhergeht – „damit Geld zu machen ist.“
Traditionell Religiöses und Rituelles, im klassischen Sinne und bezogen auf die heutige Zeit, ist zu einer der offenen Diffamierung unterworfenen ideologisierten Randerscheinung degradiert, sodass ein natürlicher Zugang zu den spirituellen Ur-Wegen einer transzendenten Rückbindung bzw. Besinnung – dem Sinn der Religion – fast verunmöglicht wurde.

Deshalb wird der spirituell orientierte Mensch nordischer Prägung in diesem Überangebot feilgebotener Religionskonzepte sicherlich nicht mit seinen Ur-Ahnen, seinen Ur-Bedürfnissen und seiner Ur-Spiritualität in Berührung kommen oder gar einen gangbaren Weg in die spirituelle Transzendenz erblicken, die ihm die erfahrbare Magie der Rauhnächte anbietet.
Das bedeutet auch, dass die Beschäftigung mit dem woher komme ich? Wohin gehe ich? Was bedeutet für mich das Leben auf Erden? sowie die generelle Frage nach dem Sinn des zwischen Geburt, Leben und Tod auszufüllenden Daseins unbeantwortet bleibt, weil diese durch weltlich-technokratische oder verallgemeinerte religiöse Begrifflichkeiten von der Ur-Spiritualität entkoppelt wurden.
Die offiziell anerkannten Religionen, so wie sie die weltlichen und christlichen Weltbilder definieren, aber auch die aus der östlichen Hemisphäre in die westliche übergeschwappten, die sämtlich der religiösen Ur-Substanz beraubt, bedienen die modernistisch geprägten und stark kommerzialisierten Klischees eines religiösen Selbst(er)findungs- und Erkenntnisprozesses, die in einem Wochenendseminar zu erwerben sind. Deshalb wird der spirituell orientierte Mensch nordischer Prägung in diesem Überangebot feilgebotener Religionskonzepte sicherlich nicht mit seinen Ur-Ahnen, seinen Ur-Bedürfnissen und seiner Ur-Spiritualität in Berührung kommen oder gar einen gangbaren Weg in die spirituelle Transzendenz erblicken, die ihm die erfahrbare Magie der Rauhnächte anbietet.
Schlussbetrachtung
Am vorläufigen Ende des christlichen Weihnachtsmythos angekommen, haben wir, sofern es die zumutbare Länge eines Blogs erlaubt, herausgearbeitet, dass es, im heutigen Sinne, vor der kolportierten christlichen Weihnachtsgeschichte eine in den nördlichen Ländern ritualisierte Naturmystik gab, die auf dem Sterben und Werden im Wandel der Jahreszeiten basierte. Die während der Rauhnächte durchgeführten Rituale, um die Wandlung der winterlichen Jahreszeit herbeizuführen, bezogen die Ahnen-, Tier- und Naturwelt ein. In diesen Tagen herrschte feierlicher Frieden zwischen der Menschen-, Tier- und Naturwelt.
Die ur-menschliche Sehnsucht und Suche nach Harmonie und Frieden im zwischenmenschlichen Handeln, die gezielt zur Weihnachtszeit einen Ausdruck und einen realisierbaren Weg sucht, spült gegenwärtig das Interesse der Menschen an den alten, den nicht christlichen Ritualen und Sichtweisen, nach oben, was am Interesse an der Magie der Rauhnächte zum Ausdruck kommt – die Büchertische in den Buchläden zeugen davon.
Auch wenn das Thema Rauhnächte kommerzialisiert ist, stimmt es doch positiv, dass sich die eine oder andere Menschenseele wieder ihrer Ur-Herkunft im Reigen des Jahreszeitenwandels und des persönlichen (psychologischen) Stirb und Werde zu erinnern sucht.
In diesem Sinne wünscht das Team SoW den Lesern unseres Blogs eine besinnliche und friedvolle Rauhnacht-Zeit.

